Von links: Der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Prof. Dr. Georg Cremer, und Diözesancaritasdirektor Dominique HopfenzitzFoto: Carolin Kronenburg / Caritasverband für die Diözese Münster
Bistum Münster (cpm). "Deutschland hat einen starken Sozialstaat." Das hat der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und Ökonom, Prof. Dr. Georg Cremer, im Gespräch mit den Geschäftsführenden von Ortscaritasverbänden am 27. Mai in Münster betont. Etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung gehe in den Sozialstaat, der über einen langen Zeitraum kontinuierlich ausgebaut worden sei. Die Herausforderung liege angesichts vielschichtiger aktueller Herausforderungen darin, nicht weiter auf Expansion, sondern auf eine kluge Weiterentwicklung zu setzen.
Als zentral nannte der Ökonom dabei die Bekämpfung verdeckter Armut, mehr Fairness für den unteren Rand der Mitte, einen Sozialstaat, der weniger komplex und bürgerfreundlicher ist, sowie eine stärkere Orientierung der Sozialpolitik am Leitbild der Befähigung. Zudem müssten Bildungs- und Sozialsystem so verzahnt werden, dass auch Kinder und Jugendliche aus sogenannten bildungsfernen Familien die Voraussetzungen für eine gute berufliche Zukunft erlangten.
In seinem Vortrag forderte Prof. Cremer dazu auf, die Position der Wohlfahrtsverbände um die Dimension der Prioritätensetzung zu erweitern. Wenn Sozial- und Wohlfahrtsverbände nicht im Abseits stehen, sondern weiterhin politischen Einfluss nehmen wollten, müssten sie offen für Abwägungen und Alternativen sein. Nur, wenn die Caritas bewusst nach ihren Prioritäten entscheide, könnten diese auch von der Politik berücksichtigt werden.
Von links: Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz und der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Prof. Dr. Georg CremerFoto: Carolin Kronenburg / Caritasverband für die Diözese Münster
Besorgt zeigte sich Cremer über die stark polarisierte Reformdebatte in Deutschland. Diese führe zu Erwartungen, der keine Sozialpolitik genügen könne. Der Niedergangsdiskurs verfestige den Eindruck, die Politik würde sich nicht um die Belange der Bevölkerung kümmern. "Das kann das Vertrauen in das demokratische System weiter schwächen." Zielführender sei eine rationaler geführte, weniger polarisierende Reformdebatte.
Zentral für die Caritas im Bistum Münster sei es, im Gespräch mit der Politik Maßnahmen für eine gelingende Justierung des Sozialstaats zu entwickeln, betonte auch Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz. "Wir müssen unser Profil als Wohlfahrtsverband stärker schärfen und uns bewusster machen, welche Funktion wir im Sozialstaat eigentlich erfüllen." Die Caritas sei nicht nur Anbieterin sozialer Leistungen, sondern zunehmend auch Vermittlerin zwischen sozialer Wirklichkeit, Politik, Verwaltung und Finanzierungssystemen.
Das Eintreten für die vielfältigen Sorgen und Ansprüche benachteiligter Menschen bleibe dabei zentrale Aufgabe der Wohlfahrtsverbände. Zugleich brauche die Sicherung eines gerechten und verlässlichen Sozialstaats eine faktenbasierte, differenzierte und systemische Debatte - auch nach innen. Dazu gehöre auch die Frage, warum die Perspektive der Freien Wohlfahrtspflege in zentralen Reform- und Expertenkommissionen häufig nur unzureichend vertreten sei.
023-2027 (ck) 28. Mai 2026