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Gemeindecaritas  

Vom Schuhkarton in den Aktenordner

Mitarbeiter der Caritas-Fachdienste beobachten, dass viele Menschen den Überblick über ihre Papiere verlieren. Ihnen wird jetzt geholfen.

Von Marita Rinke

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Angelika Lesener hilft Ratsuchenden vor der Sozialberatung,
einen Überblick über ihre Ausgaben zu bekommen.
Foto: Rinke

Tina W. (Name geändert) ist entsetzt. Statt Geld auszuspucken, hat der Automat ihre Scheckkarte geschluckt. Das Konto soll überzogen sein. Der 23-Jährigen ist es ein Rätsel. Ulrike Baranski von der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas Borken hingegen ahnt den Grund. Sie bittet die arbeitslose Frau, die Unterlagen über ihre Ausgaben zur Beratung mitzubringen. Tina W. folgt der Bitte und stellt einen Schuhkarton mit Verträgen und zum Teil noch ungeöffneten Rechnungen auf den Tisch.

"Keine Seltenheit", beobachtet nicht nur Baranski. Ihre Kollegen in den anderen Caritas-Fachdiensten machen ähnliche Erfahrungen. "Bei manchen herrscht ein wahlloses Chaos in den Unterlagen", sagt sie. Die Folge: "Wertvolle Beratungszeit geht damit drauf, die Unterlagen zu sortieren", hat Gudrun Weber von der Gemeindecaritas die Klagen der Kollegen im Ohr. Damit sich das ändert, entwickelte sie gemeinsam mit Baranski das Projekt "Vom Schuhkarton in den Aktenordner".

Angelika Lesener (46 Jahre) und Paul Kussel, ein Frührentner, nehmen sich dabei dem Papier-Chaos von Menschen wie Tina W. an - ehrenamtlich. "Gemeinsam mit den Betroffenen schauen wir uns die Unterlagen an und sortieren diese zunächst nach Themen - Miete, Nebenkosten, Versicherung, Verträge und so weiter", erläutert Lesener ihr Vorgehen. Die Hausfrau war früher selbstständig und hat ein Händchen für Buchführung und Ordnung in Verwaltungsangelegenheiten. Im nächsten Schritt ordnet sie die Themenstapel mit den Betroffenen chronologisch und beschriftet diese - gegebenenfalls auch mit dem Hinweis "Dringlich", wenn zum Beispiel eine Mahnung droht. Dann werden die sortierten Belege im Aktenordner abgeheftet.

"Alles geschieht mit dem Betroffenen", betont sie. Denn Ziel sei es, dass diese das System verstehen und übernehmen, um allmählich einen Überblick über ihre Ausgaben zu gewinnen. "Manche wissen zum Beispiel gar nicht, dass sie drei Handy-Verträge haben und was alles per Lastschrift von ihrem Konto abgebucht wird", weiß auch Baranski.

Die Gründe, dass Menschen wie Tina W. den Überblick verlieren, sind unterschiedlich. "Einige haben es wie Tina nie gelernt", berichtet Baranski. "Schon ihre Eltern hatten nur einen Karton, in dem alle Belege gesammelt wurden." Bei anderen sei es ein Verdrängungsmechanismus. "Sie öffnen ihre Post nicht mehr, weil sie Angst vor immer neuen Rechnungen haben, die sie nicht begleichen können." Und dann gebe es noch jene, die den Inhalt der Schreiben nicht verstehen, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig oder Analphabeten sind.

Zwei Mal hat sich Tina W. mit Angelika Lesener zusammen gesetzt und Ordnung in ihre Unterlagen gebracht. "Beim ersten Mal ist es sehr viel Neues. Deshalb ist es sinnvoll sich ein weiteres Mal mit dem Betroffenen zusammenzusetzen." Anschließend habe dieser das System verstanden und könne künftig ohne fremde Hilfe Ordnung halten.

Wem es ähnlich geht und wer Hilfe von Angelika Lesener oder Paul Kussel in Anspruch nehmen möchte, kann sich mit dem Caritasverband (Telefon: 02861 945-6) in Verbindung setzen. Terminvereinbarung ist notwendig.

Quelle: Borkener Zeitung